Eizellspende in Spanien«Ich bereue, dass ich es nicht früher gewagt habe»

Stefanie ist nach Spanien gereist, um etwas zu tun, das in der Schweiz verboten ist: Sie liess sich Eizellen fremder Frauen einsetzen, um endlich schwanger zu werden. Wir haben sie begleitet.

Eizellspende in Spanien
Den Schritt zu einer Eizellspende in Spanien zu machen, ist keine leichte Entscheidung. © iStock / Getty Images Plus

Sie ist wahrlich ein süsses Kind, die kleine Laura, mit ihren dunklen Augen und schwarzen Locken. Kaum zu glauben, dass die Existenz dieses Mädchen in der Schweiz für heftige Diskussionen sorgt. Der Grund: Laura* wurde mit Hilfe einer Eizellenspende im Labor gezeugt.

Eizellenspende in der Schweiz ist höchst umstritten. Hierzulande ist künstliche Befruchtung zwar erlaubt, aber nicht mit gespendeten Eizellen – trotz einiger Anläufe, die Eizellenspende zu legalisieren. 

Das hindert viele Schweizerinnen jedoch nicht daran, sich auf diese Weise schwängern zu lassen – im Ausland ist die Eizellenspende erlaubt; und wer jenseits der Schweizer Grenze fremde Eizellen verwendet, hat keine rechtlichen Folgen zu befürchten.

Tatsächlich ist in den meisten europäischen Ländern – darunter Österreich, Frankreich, Grossbritannien, Polen und die Niederlande – die Eizellenspende erlaubt. Das erzkatholische Spanien hat eines der liberalsten Gesetze zur Fortpflanzungsmedizin von ganz Europa.

Moderne Gesetze in Spanien

Damit ist in Spanien vieles möglich, was in anderen Ländern verboten ist. Es dürfen nicht nur Eizellen gespendet werden, sondern die eigenen Eizellen für eine spätere Schwangerschaft, aber auch Embryos, also befruchtete Eizellen, eingefroren werden. Zudem ist es in Spanien erlaubt, tiefgefrorene Embryos zu adoptieren und nicht überlebensfähige Embryos abzutöten.

Eizellspenderinnen in Spanien

Laut dem spanischen Gesetz dürfen die Spenderinnen zwischen 18 und 35 Jahre alt sein. Bevor ihnen die Eizellen entnommen werden, durchlaufen sie einen medizinischen Test. Es dürfen nur alle drei Monate Eizellen gespendet werden, und es dürfen bis zu sechs Lebendgeburten entstehen, eigene Kinder mit eingeschlossen. Die Spenderinnen erhalten eine Entschädigung zwischen 1000 und 1500 Euro. Die Eizellenspende ist anonym und die Spenderinnen haben kein Recht auf das Kind.

Nicht erlaubt ist hingegen das Anheuern von Leihmüttern oder die Nutzung eines künstlichen Uterus. Dank dem liberalen Gesetz konnte sich Spanien neben Tschechien in Sachen Fortpflanzungsmedizin zu einem der führenden Länder in Europa mausern.

Derweil gibt es in Spanien über 200 spezialisierte Privatkliniken. Ein Angebot, das sich zu lohnen scheint. Von überall kommen Paare, um sich behandeln zu lassen – Fortpflanzungstourismus wird das genannt. Gemäss der Europäischen Vereinigung für Reproduktionsmedizin und Embryologie soll Spanien bereits 40 Prozent des Marktes abdecken.

Einer Studie der Beobachtungsstelle DBK Informa zufolge soll das Land im Jahr 2016 dabei 530 Millionen Euro erwirtschaftet haben – Tendenz steigend. Besonders beliebt ist Spanien bei den Deutschen, in deren Heimat für die Fortpflanzungsmedizin harte Gesetze gelten, und den Schweizern. 

Schweizer Fortpflanzungstourimus nach Spanien

Laut Schätzungen – es gibt keine genauen Zahlen – reisen von den ungefähr 600 Schweizerinnen, die diesen Dienst in den verschiedensten Ländern in Anspruch nehmen, zwischen 250 bis 300 nach Spanien.

Eine davon ist die Mutter von Laura; nennen wir sie Stefanie*. Nein, sie wolle nicht aus Scham anonym bleiben, sagt sie: «Aber es brauchen ja nicht alle zu wissen. Natürlich, meiner Familie und meinen engsten Freunden habe ich es erzählt.» Sie hätten verhalten positiv reagiert. «Es hat sie halt überrascht, dass ich trotz meiner 45 Jahre noch ein Kind wollte.»

Altersgrenze für die Eizellspende

In Spanien dürfen Frauen ab 50 Jahren keine Eizellenspende mehr empfangen.

Den Wunsch, Mutter zu sein, habe sie zeit ihres Lebens verspürt. «Aber ich dachte, ich bräuchte mich nicht zu beeilen. Mir war zu wenig bewusst, wie schnell die Fruchtbarkeit einer Frau mit zunehmendem Alter abnimmt.»

Also habe sie sich zuerst auf ihren Beruf konzentriert. Mit 37 Jahren, nachdem sie ihren langjährigen Partner geheiratet hatte, war es so weit. «Damals habe ich die Fortpflanzungsmedizin nicht mal in Erwägung gezogen.» Nein, sie wollte auf natürlichem Weg schwanger werden; doch vergebens.

«Warum es nicht klappte, haben wir nie herausgefunden. Aber man sagte uns, dass unsere Erfolgsquote bei 20 Prozent liegt. Wir haben alles versucht, auch zu adoptieren und die künstliche Befruchtung

Neuanfang dank Eizellspende im Ausland

Mit 40 Jahren begrub Stefanie nicht nur ihren Kinderwunsch, sondern auch ihre Ehe, die die Strapazen nicht überlebt hatte – doch die Zeit verstärkte ihren Kinderwunsch mit jedem Jahr, das verging. Schliesslich vertraute sie sich ihrem neuen Partner an, worauf sich dieser dazu bereit erklärte, es mit der Eizellenspende zu versuchen – Stefanies letzte Hoffnung, doch noch schwanger zu werden. 

«Meine eigenen Eizellen waren nicht mehr zu gebrauchen. Die Entscheidung, mir stattdessen fremde Eizellen einpflanzen zu lassen, fiel mir nicht leicht. Ich zweifelte.» Vor allem die Vorstellung, dass das Baby nicht mit ihr verwandt ist, bereitete ihr Sorgen: «Würde ich dennoch Muttergefühle aufbauen?

Alle Bedenken wurden zerstreut, als ich meine Tochter im Bauch spürte.» Es gebe nur eines, was sie bereue: «Dass ich es nicht viel früher gewagt habe. Dann hätte ich mir dieses Leiden erspart und wäre heute zudem eine jüngere Mutter.» Anderen Paaren – europaweit sollen zwischen 11’000 bis 14’000 unfruchtbar sein – könne sie die Fortpflanzungsmedizin nur empfehlen.

Die Fortpflanzungsmedizin aus Wachstumskurs

Tatsächlich könnte die Fortpflanzungsmedizin in Zukunft eine immer stärkere Rolle spielen. Laut dem Bundesamt für Gesundheit tritt Unfruchtbarkeit nämlich sowohl beim Mann – die Qualität der Spermien nimmt aus ungeklärten Gründen seit Jahren ständig ab – als auch bei der Frau immer öfter auf. Bei den Frauen läge es vor allem daran, dass viele erst im höheren Alter Kinder haben möchten.

«Das ist der gesellschaftliche Wandel. Heutzutage wollen Frauen sich in ihrem Beruf verwirklichen und Mutter sein. Die Strukturen lassen es jedoch nicht zu, beides gleichzeitig zu schaffen», erklärt der auf künstliche Befruchtung spezialisierte Arzt Dr. Jon Aizpurua. Aus diesem Grund rutsche die Familienplanung stetig nach hinten – nur mache der Körper nicht mit.

Dieser sei nämlich darauf programmiert, in jungen Jahren fruchtbar zu sein – ab 35 Jahren sinkt die Chance, schwanger zu werden. Diese natürliche Schranke, erklärt der Arzt, könne mit der Fortpflanzungsmedizin aufgehoben werden. «Daran ist doch nichts Verwerfliches. Es kommt auch in der Natur vor, dass ältere Frauen schwanger werden. Problematisch finde ich, wenn ich als Arzt, der über das Know-how und die Mittel verfügt, einem verzweifelten Menschen nicht helfe.»

Welche Qualen die Paare durchleiden, die ein Kind haben wollen, es aber aus biologischen Gründen nicht können, weiss Dr. Jon Aizpurua nur zu gut. Vor rund zehn Jahren gründete der Mediziner das Kinderwunschzentrum IVF Spain in Alicante. «Es sind tragische Umstände, die die Menschen zu uns führen», sagt er. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass sie den Entscheid leichtfertig fällen. «Vielmehr sind wir ihre letzte Hoffnung.»

Kosten für die Eizellspende in Spanien

Allerdings kostet diese Hoffnung. 10’000 Franken bezahlte Stefanie für die Behandlung dort. Hinzu kamen noch die Reisekosten. Ja, es sei tatsächlich ein Problem, wenn sich nur gut situierte Menschen die Behandlung leisten könnten, räumt Dr. Jon Aizpurua ein: «Wir haben eine Stiftung eingerichtet, die finanziell aushilft. 

Aber meiner Meinung nach müsste man eine politische Lösung finden.» Die Kinderlosigkeit sei schliesslich ein gesellschaftliches Problem, das alle betrifft – nicht nur den Einzelnen.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

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