Die biologische Uhr ticktWie die Fruchtbarkeit im Alter abnimmt

Ein Baby ab 35 Jahren? Das gilt gemeinhin unwahrscheinlicher als bei jüngeren Frauen. Doch neue Studien zeigen Erstaunliches zur Fruchtbarkeit im Alter. Die wichtigsten Fakten und das Ende vom Mythos 35.

Einfluss des Alters auf die Fruchtbarkeit
Tick, Tack ... Viele Frauen hören ihre biologische Uhr ticken. Ein Grund: Die Angst mit zunehmendem Alter unfruchtbar zu werden. © iStock, Getty Images Plus

Eine Frau ist nicht ihr ganzes Leben lang fruchtbar. Vielmehr ist die Länge der Fruchtbarkeit schon vor der Geburt festgelegt. Der weibliche Embryo besitzt etwa zwei Millionen Eizellen. Bei Einsetzen der ersten Periode sind es noch etwa 400.000. «Ab der Pubertät beginnen die Eizellen zu reifen. Irgendwann sind sie dann verbraucht», sagt Dr. Mathias Brunbauer, Leiter der Kinderwunschklinik Wien.

Die abnehmende Fruchtbarkeit ab einem Alter von 35 Jahren wird seit langem zitiert. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liege demnach nur noch bei 10 Prozent, bei 40-Jährigen sogar nur noch bei fünf Prozent. Dieser Fakt ist vielen Frauen bekannt und vielleicht sogar Auslöser für eine «Babypanik» ab Ende 20. Doch die starren Altersgrenzen von 30, 35, 40 Jahren sind statistisch kaum belegt.

Studien zur Abnahme der Fruchtbarkeit bei Frauen

Es ist umstritten, wann die Fruchtbarkeit der Frau abnimmt und wie stark. Die starren Altersangaben, dass eine von drei 35- bis 40-Jährigen auch binnen Jahresfrist nicht schwanger wird, wurde ursprünglich 2004 im Wissenschaftsjournal «Human Reproduction» veröffentlicht. Die Datenbasis der Zahlen ist allerdings veraltet und beruht auf französischen Geburtseinträgen zwischen 1670 und 1830.

Zwei weitere Publikationen, «Management of the infertile women» von Helen A. Carcio und «The Fertility Sourcebook» von M. Sara Rosenthal, werden mittlerweile von der Wissenschaft kritisiert. Der von ihnen geschilderte lineare Abfall der weiblichen Fruchtbarkeit ab einem Alter von 18 Jahren sei nicht belegt. 

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Fruchtbarkeit von Mann und Frau nimmt im Alter ab
  • Die Fruchtbarkeitskurve fällt nicht linear ab dem 18. Lebensjahr
  • Neue Studien zeigen: Der negative Effekt des biologischen Alters wurde stark überschätzt
  • Über 35-Jährige können ebenfalls natürlich schwanger werden

Neue Studien kommen zu einem anderen Ergebnis: 2004 publiziert David Dunson eine Studie im Journal «Obstetrics & Gynecology». Die Daten von 770 zeitgenössischen Europäerinnen zeigten, dass die Fruchtbarkeit von Frauen Mitte dreissig und Ende zwanzig sich bloss um vier Prozentpunkte unterscheide, wenn sie ein Jahr lang zweimal pro Woche Sex hätten. Dieses Resultat bestätigte auch Anne Steiner, Assistenzprofessorin an der North Carolina School of Medicine. Auch sie konnte anhand der ihr vorliegenden Zahlen keinen grossen Fruchtbarkeitsabfall vor dem vierzigsten Lebensjahr der Frau feststellen.

An der Bosten University untersuchten Forscher 2820 dänische Frauen in dem Zeitraum, in dem schwanger werden wollten. Unter denjenigen, die während ihrer fruchtbaren Tage Sex hatten, wurden 78 Prozent der 35- bis 40-Jährigen innerhalb eines Jahres schwanger. Unter den 20- bis 34-Jährigen waren es kaum mehr: 84 Prozent.

Das aktuelle Fazit der Wissenschaft: Der negative Effekt des biologischen Alters wurde bisher stark überschätzt.

Die fruchtbarsten Jahre der Frau

Obwohl die Chancen auf eine Schwangerschaft auch noch mit 40 nicht schlecht sind, gilt biologisch gesehen natürlich, je früher desto besser. Je jünger die Frau, umso regelmässiger ist noch der Zyklus und gesünder die Eizellen.

Doch es gibt viele Gründe, warum Frauen in den westlichen Gesellschaften immer später Mütter werden. Die Ausbildung, der Berufseinstieg und die Karriere nehmen einige Jahre in Anspruch. Viele Frauen wünschen sich neben der Berufserfahrung und etwas Gespartem auf dem Konto auch eine gefestigte Beziehung.

 Frauen in der Schweiz bekommen immer später das erste Kind. (Bundesamt für Statistik)

In der Schweiz ist der Trend eindeutig. Die Mütter werden immer älter. 1975 lag das Durchschnittsalter der Erstgebärenden in der Schweiz bei 27 Jahren, heute ist die Frau im Schnitt 31,5 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal Mutter wird.

Fruchtbarkeit ab 35 Jahren

Trotz der weitverbreiteten Annahme, dass ab 35 Jahren Schluss mit dem Kinderwunsch ist, gibt es laut aktuellen Studien keinen Grund zur «Torschusspanik». Die Fruchtbarkeit nimmt zwar ab, aber trotzdem wird die grosse Mehrheit der Frauen über 35 auf ganz natürlichem Weg schwanger. 

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Dennoch gibt es einige Einschränkungen. Zum Beispiel haben ältere Frauen nicht mehr in jedem Zyklus einen Eisprung und Eizellen sind häufiger beschädigt, was die Gefahr einer Fehlgeburt oder einer chromosomalen Schädigung des Embryos erhöht.

Nach dem 35. Lebensjahr steigen auch rein statistisch gesehen andere Risiken im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit. Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck und die Gefahr einer vor dem Muttermund liegenden Plazenta, einer so genannten placenta praevia, treten öfter auf als bei sehr jungen Frauen. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Frauen ab 35 Jahren als «Risikoschwangere» gelten.

Schwanger werden mit über 40 Jahren

Immer mehr Frauen bekommen ihr Baby in der Schweiz mit über 34 Jahren, darunter sind auch Frauen mit 40 Jahren und älter. Eine Schwangerschaft mit 40 Jahren und auch später ist biologisch durchaus möglich, obwohl es statistisch schwieriger ist und länger dauern kann. Doch es gibt oft Paare, die trotz medizinisch bestätigten schlechten Voraussetzungen schnell schwanger werden, während es bei anderen mit guten Prognosen nicht klappen will. Und sollte es nicht klappen, bietet die Reproduktionsmedizin der Kinderwunschzentren vielfältige Hilfe an.

Wie sich die Fruchtbarkeit des Mannes im Alter verändert

Nicht nur die Frauen bekommen immer später ihre Kinder, auch die Männer werden in der Schweiz immer ältere Väter. Laut dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz sind bei der Mehrheit der Lebendgeburten die Väter zwischen 30 und 39 Jahre alt. Jeder fünfte Vater ist 40-jährig oder älter.

Wie bei der Frau die Qualität der Eizellen und die Häufigkeit des Eisprungs mit dem Alter abnehmen, so nimmt auch beim Mann mit etwa 40 Jahren die Qualität der Spermien ab. Beim unterfüllten Kinderwunsch wird daher auch beim Mann ein Spermiogramm durchgeführt, bei dem Spermien und Samenflüssigkeit analysiert werden. Geschädigte Zellen können chromosomale Schädigungen beim Embryo oder sogar Fehlgeburten auslösen.

Die Fruchtbarkeit beider Geschlechter wird jedoch nicht nur durch das biologische Alter bestimmt. Auch Rauchen, Übergewicht und Kunststoffrückstände in Nahrungsmitteln und der Umwelt können die Qualität von Eizellen und Spermien mindern.

Erst 2017 veröffentlichten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Human Reproductive Update“, dass zwischen 1973 und 2011 sei die Spermienanzahl pro Milliliter Sperma bei Männern aus westlichen Ländern um 52,4 Prozent gesunken sei. Zur Beruhigung: Es ist nicht nur die Anzahl der Spermien, sondern auch ihre Qualität und Beweglichkeit für die Befruchtung der Eizelle entscheidend.

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