Motorik fördern«Babys müssen gegen die Schwerkraft trainieren»

Babys können durch einfache Tripps in ihrer motorischen Entwicklung gefördert werden. Kinderphysiotherapeutin Berit Saupe erklärt, wie das geht und wann eine Physiotherapie nötig ist.

Motorik fördern

Im ersten Lebensjahr des Kindes sind es die Bewegungen, die faszinieren. Plötzlich lernt das Baby, den Kopf zu heben, sich zu drehen, zu sitzen, zu krabbeln und schliesslich zu laufen.

«Die Bewegungsmuster eines Kindes sind genetisch festgelegt. Ein Kind muss nicht lernen, wie es Schritte macht. Es muss lernen sich gegen die Schwerkraft aufzurichten und sich im Stehen und beim Gehen auszubalancieren», sagt Kinderphysiotherapeutin Berit Saupe aus Zürich. «Jedes Baby trainiert Bewegungen durch Wiederholungen», so Saupe. «Wenn es hinfällt, steht es wieder auf.»

In den ersten zwölf Monaten lernen die Babys sehr viel. «Sie kommen von der instabilen Rückenlage bis hin zum Stehen und einige Kinder gehen sogar schon die ersten Schritte», erklärt Saupe und warnt vor zu grossen Erwartungen. «Viele Eltern haben das Gefühl, dass die Kinder im ersten Lebensjahr das Laufen erlernen, das tun aber die wenigstens. 50 Prozent alle Kinder erlernen das Gehen mit 15./16. Lebensmonaten.»

Richtig hinlegen: Die Motorik von Babys im Liegen fördern

Für die normale Entwicklung des Babys empfiehlt Berit Saupe, die Motorik zu unterstützen: «Kinder sind von sich aus neugierig und wollen ihre Umwelt entdecken. Es ist aber wichtig, dass die Eltern ihrem Kind eine vertrauensvolle, sichere und anregende Umgebung bieten und vor allem Zeit geben.» Eltern sollten sich mit Ihrem Kind aktiv beschäftigen, mit ihm auf dem Boden spielen, es aber auch alleine entdecken und ausprobieren lassen, rät die Expertin.

Dabei sei es wichtig, immer wieder die Liegepositionen des Säuglings zu wechseln: «Mal auf dem Rücken, auf den Bauch und in die Seitenlage. Besonders beim Windeln wechseln oder Anziehen bietet sich die Gelegenheit, das Kind mal auf die linke, mal rechte Seite zu rollen.» Diese Abwechslung aktiviere die Muskulatur und motiviere das Baby, den eigenen Körper zu entdecken.

Wenn das Baby wach ist, sollte es öfter in die Bauchlage gedreht werden, empfiehlt Saupe. «Auf dem Bauch hat es eine andere Perspektive und kann die Umgebung besser beobachten.» Bei Babys, die in der Bauchlage Schwierigkeiten haben, sich genügend auf die Unterarme zu stützen und aufzurichten, helfe eine Handtuchrolle, die unter die Brust gelegt wird. «Plaudern oder spielen Sie dabei mit Ihrem Baby und lenken Sie es dadurch von der anstrengenden Position ab», rät die Physiotherapeutin.

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Wie das Baby richtig hochgehoben und getragen wird

Um Asymmetrien zu vermeiden, empfiehlt Berit Saupe, auch beim Hochheben und Tragen des Kindes, auf einige Kleinigkeiten zu achten. «Wenn Sie das Baby zum Beispiel aufnehmen, legen Sie es mit nach vorne gezogenen Armen über Ihre Schultern, damit es den Kopf kontrollieren und Gegenstände ergreifen kann.» Eine Position gefällt dem Baby besonders: «Legen Sie das Baby zwischendurch auf Ihren Schoss mit angewinkelten Beinen ab, um mit ihm zu spielen und zu plaudern.

Zudem empfiehlt Saupe, die Position des Babys ab und zu zu ändern. Das gilt auch bei langen Tagesausflügen. «Nehmen Sie das Kind zwischendurch aus dem Kinderwagen oder dem Tragetuch, damit es nicht zu lange an einem Stück in einer Position ist.» Es gehe immer um das Mass, rät Saupe. «Vier Stunden am Stück im Tragetuch sind für das Baby nicht ideal. Legen Sie zwischendurch eine Pause ein, um das Baby rauszunehmen.»

Wann eine Physiotherapie nötig ist

Im Leben läuft nicht alles nach Plan. Manchmal gibt es Entwicklungsverzögerungen oder motorische Auffälligkeiten, die eine Physiotherapie nötig machen. Die Physiotherapie wird in der Schweiz ärztlich verordnet. Häufig erkennen die Kinderärzte bei den regelmässigen Kontrolluntersuchungen motorische Auffälligkeiten, oder den Eltern fällt etwas auf.

Gründe für eine Physiotherapie sind zum Beispiel Probleme in der körperlichen Entwicklung wie ein schwacher Rumpf (Hypotonie) oder angeborene Fehlstellungen wie Klumpfüsse. Diese kann der Arzt schon vor der Geburt mithilfe des Ultraschalls sehen. «In diesem Fall wird gleich am ersten Tag nach der Geburt mit der Physiotherapie begonnen», sagt Saupe.

Auch die häufige Schädelabflachung und der Schiefhals können mithilfe der Physiotherapie behandelt werden. Ein weiterer Grund für eine Pyhsiotherapie kann auch eine Entwicklungsverzögerung in der Motorik sein. Wenn das Kind beispielsweise mit acht oder neun Monaten noch keine Anstalten macht, sitzen zu wollen. «Das ist aber nicht zu verwechseln mit dem eigentlichen Sitzalter von neuneinhalb bis zehn Monate, wenn das Kind tatsächlich alleine und sicher frei sitzen kann und für sich spielt», sagt Saupe.

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Wie die Kinderphysiotherapie abläuft

Die Physiotherapie werde von Kind zu Kind individuell gestaltet. «Denn nicht jede Übung funktioniert bei jedem Baby gleich gut», so Saupe. Mit den Eltern werde genau besprochen, welcher Hauptmangel vorliege: «Ich stelle dann ein Übungsprogramm zusammen, das ich zusammen mit den Eltern durchführe», erzählt die Expertin. Die Eltern erhalten Empfehlungen, wie, wie lange und wie oft sie die Übungen zu Hause anwenden sollen. Die Übungen beinhalten Handling, Spielsituationen und Positionen, die sich gut in den Alltag integrieren lassen.

Von Melina Maerten, Titelbild: Getty Images/Image Source

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